Heidecke - Venus und Lilith

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Christa Heidecke

Venus und Lilith

Das begrenzte Frauenbild oder

die notwendige Umarmung von Venus und Lilith

Vom 3. August 2004

Die immer wiederkehrenden Beziehungsprobleme, mit denen wir uns heute zumindest bewußter beschäftigen, die gegenseitigen Verunglimpfungen der Geschlechter, und seien es "nur" Schuldprojektionen, bringen uns nicht weiter. Der Partner dient uns hierbei als Projektionsfläche für etwas, was wir bei uns selbst nicht sehen wollen.
Wenn wir wirklich erfüllte Beziehungen erfahren wollen, müssen wir ernsthaft nach den Ursachen für dieses jahrtausendealte Dilemma suchen.
Also gehen wir weit in die Vergangenheit zurück ...


Botticelli - Geburt der Venus


1
Wir wissen, dass bis ca. 3000 v.Chr. die allgemein übliche Lebensform vom Matriarchat geprägt war. Frauen hatten die Rolle des Familienvorstandes inne, sie wurden verehrt, weil sie Leben spendeten. Zeugungsvorgang, Menstruationszyklen und Schwangerschaft wurden als göttliches Mysterium gesehen und wurden in vielfältigen Fruchtbarkeitsriten gefeiert. Die Frauen wählten selbst, wer Vater für ihre Kinder sein sollte, völlig frei und unabhängig. Es gab eine weibliche Erblinie, die Männer schützten Frauen und Kinder in der Gemeinschaft, und beide Geschlechter verehrten die Natur und die Erde als Große Göttin. Gegen Ende dieser Zeit geschah es, dass die Frauen - wir wissen nicht, warum - zunehmend ihre Macht mißbrauchten. Die schlimmsten Auswüchse waren die Opferriten, in denen Männer ihr Leben lassen mußten, um die Große Göttin zu besänftigen, oder auch kastriert wurden.
Dies hinterließ tiefe Verletzungen, Groll und Hass (wir dürfen uns da nichts vormachen) bei der männlichen Spezies. Sie wehrten sich, wollten mehr zu sagen haben und selbst eine Erblinie gründen. Um sich aber vor weiteren Übergriffen durch die Frauen zu schützen, mußten sie sich ein System überlegen, mit dem die Frauen beherrscht werden konnten. Gleichgestellte Beziehungen waren schon damals nicht mehr möglich. Die gesellschaftliche Ordnung wandelte sich langsam aber sicher in ein Patriarchat, das bis heute andauert. Die Unterdrückung der Frau ist ein gesellschaftliches Thema, das unbedingt aus diesem Hintergrund heraus betrachtet werden muß.
Dieser Machtmißbrauch sitzt heute noch als tiefes Schuldgefühl im kollektiven weiblichen Unbewußten. Und es war mit Sicherheit dieses Schuldgefühl daran beteiligt, weshalb die Frauen sich so demütigen ließen, es unbewußt als gerechte Strafe empfanden. Den Männern kann es nicht wirklich gut dabei gegangen sein; denn sie handelten aus Angst vor erneuter Kastration - wie sollten unter diesen Vorraussetzungen gesunde Beziehungen entstehen?
Lilith steht für die selbstbewußte, starke unabhängige Frau, die sie auch ursprünglich gewesen ist als erste Frau Adams und von Gott aus dem gleichen Material erschaffen.

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Lilith Die ältesten Hinweise auf Lilith finden wir in der sumerischen Kultur, und es gibt nur ein einziges wirklich aussagekräftiges Bild von ihr, ein Terrakottarelief aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. Auf Anhieb wird klar, dass wir es mit einer anerkannten Göttin zu tun haben, denn auf ihrem Kopf trägt sie eine gehörnte Tiara, und derlei Kronen waren in der sumerisch-akkadischen Ikonographie allein Gottheiten vorbehalten.
Lilith steht auf dem Rücken von Löwen, auch dies ein machtvolles Symbol großer Göttinnen. Die beiden großen Eulen, die Liliths Löwenthron einrahmen, gelten als Symbole von Weisheit und Wissen (i.e. Athene). Ihre Fähigkeit, das Dunkel mit Erkenntnis zu durchdringen, gibt die Hoffnung, unsere Ängste und Schatten eines Tages erlösen zu können.
Lilith trägt auch selber Flügel, und diese gehören ebenso zu den Attributen bedeutender Göttinnen. Keine große Göttin, die nicht 'fliegen' könnte, wobei ihre Fähigkeit zu fliegen durchweg gleichgesetzt wird mit ihrem Vermögen, die Grenzen von Raum und Zeit zu überschreiten. Lilith erscheint nackt, mit einem wohlgeformten Frauenkörper, der überhaupt nicht furchteinflößend wirkt. Nacktheit ist auch ein Sinnbild von unverfälschter Reinheit und Echtheit. Wer nackt ist, hat nichts zu verbergen! Auch Liliths Gesicht ist keineswegs das einer erbarmungslosen Furie, eher ist es von heiterer Entschlossenheit. Doch ja, ihre Füße haben Vogelkrallen - ihr Standort ist also eher der Himmel als die Erde - wehrhaft und fluchtbereit, wenn es sein muß.
Erschien Lilith im alten Sumer noch als eigenständige Göttin, so wird sie im hebräischen Sohar, der jüdischen heiligen Schrift, als männerverführend und kindermordend mit Samael, dem Teufel, im Bunde beschrieben. In der christlichen Bibel wird sie nur noch kurz bei Jesaja 34 und Hiob 18 auf die niederträchtigste Art erwähnt, und zwar nur in der Jerusalemer Ausgabe. Interessant ist nämlich, dass Lilith seit der Reformationszeit aus den christlichen Bibelausgaben verschwindet. So findet man in der Lutherbibel das Wort Lilith durch Kobold ersetzt. Es ist offensichtlich, dass die christliche Kirche nicht daran interessiert ist - und zu keiner Zeit war - Liliths Eigenschaften zu pflegen, geschweige denn zu preisen.
Im Sohar wird erzählt, dass Lilith in ihrer Not den geheimen Namen Gottes rief, als Adam sie verstieß und der Verlust des Paradieses drohte. Dass Lilith als einem geflügelten Wesen der Sinn nach den Höhen der spirituellen Welt stand, schildert bereits der Text aus Ben Siras Alphabeth. Und wie wäre es ihr möglich gewesen, den magischen Namen Gottes zu kennen, wenn sie nicht in innigster, intimster Verbindung zu ihm gestanden hätte?
Im Namen drückt sich das Wesen einer Persönlichkeit aus. Beim Namen zu nennen, heißt die Wahrhaftigkeit zu wünschen, die alles Böse eliminiert (Rumpelstilzchen). In der Magie ist die Anrufung des Namens eminent wichtig, um sich eine Kraft dienstbar zu machen. So stellt Lilith in der Schöpfungsgeschichte letztlich einen Anspruch auf Gott-Ebenbürtigkeit; ein bedrohlicher Angriff auf die Allmacht des sich neu etablierenden Vatergottes.

Weiter ist im Sohar zu lesen, dass 'der Herr sie in die Tiefen des Meeres warf und gab ihr Macht über alle Kinder der Menschensöhne, die der Bestrafung für die Sünden ihrer Väter unterliegen.' Mit anderen Worten: Gott der Herr und die Söhne Israels agieren, Lilith und die Frauen dürfen es ausbaden und werden noch für alles verantwortlich gemacht.
Dass Lilith ins Meer geworfen wurde, macht ihre Verdrängung deutlich. An anderer Stelle wird zitiert: 'das Wasser ernährt Lilith'. Also kommen wir an ihre Eigenschaften heran, sobald die Gefühle fließen ...

3
Die Kunde von Liliths zerstörerischer Verführungskraft hallt durch die Jahrtausende und scheint Männerphantasien zu beflügeln. Dem Sohar zufolge beschloß Adam nach dem Sündenfall, zu sühnen, indem er 130 Jahre enthaltsam lebte. Doch ausgerechnet in dieser Zeit, als er allein schlief und träumte, besuchte ihn Lilith und wußte ihr Verlangen zu befriedigen, indem sie ihn bestieg und dadurch seine nächtlichen Ergüsse hervorrief. Es wird schließlich so schlimm, dass der Sohar Liliths Macht bei unterschiedslos allen sexuellen Begegnungen zwischen Mann und Frau wittert, selbst noch beim vorgeschriebenen ehelichen Akt.
Damit soll wohl angedeutet werden, dass die menschliche Sexualität in den Grenzbezirken des Bösen, Chaotischen und Gesetzesauflösenden anzusiedeln ist, weshalb schärfste Vorsichtsmaßnahmen vonnöten sind, die dazu gedacht sind, noch den letzten Funken Lust aus den Schlafzimmern zu verbannen.

Lilith 1892 Den Keil, den die christliche Tradition zwischen Eva, die Sünderin und Verführerin und Maria, die reine und unbefleckte treiben konnte, mußte das Judentum anderswo ansetzen. Hier hießen die beiden Gegensätze nicht Eva und Maria, sondern Lilith und Eva, wobei erstere das aufmüpfige und verderbenbringende Weibliche und letztere das angepaßte und dem Manne dienliche Werkzeug repräsentiert.
"Das zweite Weib Adams - Eva - schuf Gott aus der Rippe. Dabei sprach Er:
Ich werde sie nicht aus dem Kopf des Mannes machen, sonst wird sie ihren Kopf in hochmütigem Stolz tragen; und nicht aus dem Auge, sonst wird sie lüsterne Blicke bekommen; und nicht aus dem Ohr, sonst wird sie überheblich; und nicht aus dem Mund, sonst wird sie eine Schwätzerin; und nicht aus dem Herzen, sonst wird sie zu Neid neigen; und nicht aus der Hand, sonst mischt sie sich in fremde Angelegenheiten; und nicht aus dem Fuß, sonst wird sie eine Herumtreiberin."
Solche - ernstgemeinten - Worte aus dem Sohar können nur aus dem Unvermögen, die eigenen Schatten zu betrachten, entstehen, und aus der Angst, die Kontrolle über das Weibliche zu verlieren.

4
"Aus der Rippe, die dem Auge des Menschen entzogen und stets unter der Hülle des Kleides verborgen ist, aus ihr schuf Gott das Weib. Denn die Zierde des Weibes ist die stille Zurückgezogenheit, die sittsame Beschränkung auf den häuslichen Kreis mit seinen Pflichten und seinem lauteren Glück."

Wie kleinlich, wie schamhaft, wie unkreativ, libido-unterdrückend und phantasielos soll Gott eigentlich sein?! Späteren Legenden zufolge ist Gott allerdings nicht fähig zu verhindern, dass selbst die von ihm als rein und keusch geplante Eva Züge von Lilith erhält:
"Und zu jedem Glied des Körpers sprach Gott, als er es machte: 'Sei keusch! Sei keusch!'
Und dennoch, trotz all dieser übergroßen Vorsicht, hat die Frau all jene Fehler, die Gott zu vermeiden suchte."

Was an Eva rebellisch ist, geht auf Liliths Einflüsterungen zurück, womit Lilith nun auch für die Frau zur Versucherin und Verführerin wird. Lilith ist es, die Eva dazu überredet, von den Früchten der Erkenntnis zu kosten. Dabei werden Lilith und die Schlange eins: in einem Sohar-Mythos heißt es, Lilith sei die Schlange und die Hure, die Eva anstiftete, Adam zum Beilager zu verführen, während sie in der Zeit ihrer menstruellen 'Unreinheit' war.
Dieses Bild hat dann Schule gemacht, Lilith, die Verführerin, durchzieht schließlich auch die christliche Ikonographie, vor allem des 15. und 16. Jahrhunderts, der Kulmi-nationszeit jener Frauenpogrome, die man noch immer verharmlosend Hexenverfolgungen nennt. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich Darstellungen, in denen Lilith und Eva als Sockel dienten, über dem sich als triumphierendes Symbol der Reinheit die Jungfrau Maria (unbefleckte Empfängnis) mit dem Jesusknaben erhob.
Dieses Bild - wie auch die Spaltung in Eva, Maria und Lilith entzweit die Frau mit sich selbst. Der Bilderrahmen ist jedoch so gesetzt, dass er zugleich den Mann - Adam wie auch seinen Schöpfergott - wirksam und für alle Zeiten von jeglicher Verantwortung für das Böse in der Welt freisprechen soll. Der Frau wird damit, von seiten des Mannes, das kulturelle Urmißtrauen ausgesprochen, was einen fortwährenden Krieg der Geschlechter in Gang hält.
Dabei hatte Adam sich doch als androgyne Gestalt entworfen. Lilith und Eva sind ausdrücklich als in einem männlichen Subjekt enthalten vorgestellt worden; damit spiegeln diese Frauenbilder in erster Linie die männliche Anima, um die es schlecht bestellt scheint, so zerrissen und gespalten, wie sie sich selbst und symbolisch darstellt.


Venus / Magellan


5
Wenden wir uns der sumerischen Göttin Inanna zu, der Vorläuferin der späteren Ishtar und Aphrodite/Venus, der Liebesgöttin; hier ist sie Königin des Himmels und der Erde. In einem alten Gedicht aus dem Gilgamesch-Epos finden wir bereits Hinweise auf Lilith und die weibliche Spaltung:

Inanna, Lilith und der Huluppu-Baum

In den ersten Tagen, in den allerersten Tagen,
in den ersten Nächten, in den allerersten Nächten,
in den ersten Jahren, in den allerersten Jahren,

in den ersten Tagen, als alles, was zum Leben nötig war, ins Sein gebracht wurde,
in den ersten Tagen, als alles, was zum Leben nötig war, angemessen ernährt wurde,
als der Himmel sich von der Erde fortbewegt hatte,
und der Name des Menschen festgelegt wurde,
als der Himmelsgott, An, die Himmel davongetragen hatte,
als der Luftgott, Enlil, die Erde davongetragen hatte,
als die Königin des Großen Unten, Ereschkigal, die Unterwelt beherrschte,

In diesen Zeiten pflanzte sich ein Baum, ein einzelner Baum,
ein Huluppu-Baum, an den Ufern des Euphrats ein.
Der Baum wurde von den Wassern des Euphrats genährt.
Der wirbelnde Südwind zog an seinen Wurzeln und zerrte an seinen Ästen,
bis die Wasser des Euphrats ihn davontrugen.

Eine Frau, die in Ehrfurcht vor den Worten des Himmelsgottes An wandelte,
die in Ehrfurcht vor den Worten des Luftgottes Enlil lebte,
riß den Baum aus dem Fluß und sprach:
"Ich werde diesen Baum nach Uruk bringen.
Ich werde diesen Baum in meinen heiligen Garten pflanzen."

Mit eigener Hand sorgte Inanna für den Baum.
Mit ihren Füßen stampfte sie die Erde um ihn herum fest.
Sie sprach zu sich selbst:
"Wie lange wird es wohl dauern, bis ich einen leuchtenden Thron habe?
Wie lange wird es wohl dauern, bis ich ein leuchtendes Bett besitze?"

Die Jahre gingen dahin; fünf Jahre, zehn Jahre.
Der Baum wurde dick, doch seine Rinde sprang nicht auf.

Dann schlug eine Schlange, die nicht bezähmt werden konnte,
ihr Nest in den Wurzeln des Huluppu-Baumes auf.
Der Anzu-Vogel setzte seine Brut in die Zweige des Baumes.
Und die dunkle Jungfrau Lilith baute ihr Haus in seinem Stamm.

6
Die junge Frau, die gerne lachte, weinte.
Und wie Inanna weinte!
Doch sie alle wollten ihren Baum nicht verlassen.

Inanna rief ihren Bruder, den Sonnengott Utu herbei,
doch Utu, der tapfere Krieger Utu,
wollte seiner Schwester Inanna nicht helfen.

Beim Anbruch der Morgendämmerung, als die Vögel zu singen anfingen,
rief Inanna ihren Bruder Gilgamesch herbei und sprach zu ihm:
"Oh Gilgamesch, in den Tagen, als die Schicksale beschlossen wurden,
als Überfluß das Land durchströmte,
als der Himmelsgott die Himmel und der Luftgott die Erde davontrugen,
als Ereschkigal das Große Unten als ihren Herrschaftsbereich erhielt,
da segelte der Gott der Weisheit, Vater Enki, hinab in die Unterwelt,
und die Unterwelt stand auf gegen ihn und griff ihn an...
In diesen Zeiten wurde ein Baum, ein einzelner Baum, ein Huluppu-Baum,
an den Ufern des Euphrats eingepflanzt.
Der Südwind zog an seinen Wurzeln und zerrte an seinen Zweigen,
bis die Wasser des Euphrats ihn davontrugen.
Ich riß den Baum aus dem Fluß heraus,
ich brachte ihn in meinen heiligen Garten.
Ich hegte den Baum, derweil ich auf meinen leuchtenden Thron
und mein leuchtendes Bett wartete.

Dann schlug eine Schlange, die nicht bezähmt werden konnte,
ihr Nest in den Wurzeln des Baumes auf,
und der Anzu-Vogel setzte seine Brut in die Zweige des Baumes,
und die dunkle Jungfrau Lilith baute ihr Haus in seinem Stamm.
Ich weinte.
O wie sehr weinte ich!
Doch sie alle wollten den Baum nicht verlassen."

Gilgamesch, der tapfere Krieger Gilgamesch,
der Held von Uruk, stand Inanna zur Seite.
Gilgamesch befestigte eine Rüstung von fünfzig Minas Gewicht
an seinem Oberkörper.
Die fünfzig Minas wogen sowenig für ihn wie fünfzig Federn.
Er schwang seine Bronze-Axt über die Schulter
und betrat Inannas heiligen Garten.

Gilgamesch erschlug die Schlange, die nicht bezähmt werden konnte.
Der Anzu-Vogel flog mit seinen Jungen in die Berge.
Und Lilith zertrümmerte ihr Haus und entfloh an wilde, unbewohnte Orte.

7
Dann entwurzelte Gilgamesch den Huluppu-Baum.
Aus dem Stamm des Baumes schnitzte er einen Thron und ein Bett
für seine heilige Schwester.
Doch der Thron und das Bett waren aus totem Holz,
und sie konnten nicht leuchten.

Hugo van der Goes - Der Suendenfall Inanna/Venus hat diesen wunderschönen Huluppu-Baum gepflanzt, der symbolisch für Wachstum, Ausdehnung, Glück und Erkenntnis steht (Jupiter-Qualitäten). Sie ist traurig, weil ihr Glück getrübt scheint, dadurch, dass sich Schlange, Vogel und Lilith im Baum eingenistet haben. Die Inanna/ Eva/Venus-Position scheint nicht zu bedenken, dass sie diese drei dringend braucht, um selbst ganz zu werden.
Die Schlange steht symbolisch für die ungebändigte Lebenskraft, sie wird auch mit der Kundalini-Energie in Verbindung gebracht, und für eine tiefe Wandlung (Häutung) und Transformation. 'Die Schlange, die nicht bezähmt werden kann' steht also für die unbändige Lebenskraft, die in jedem von uns steckt, wenn wir sie nur freilegen.
Der Anzu-Vogel, der mit seinen Jungen ein Nest im Huluppu-Baum bewohnte, ist ein Adler, der sinnbildlich für Freiheit, Weisheit und sinnübergreifende Erkenntnis steht. Und Lilith selbst bewohnte den Stamm des Baumes, also unsere ausgestoßene wilde, lustvolle und starke Symbolfigur für das eigenständige Weibliche in uns.
Inanna/Venus begreift diese Zusammenhänge nicht, und lässt es zu, dass Gilgamesch, ein Mann, alle drei vertreibt; die Schlange, also die Lebenskraft, wird sogar erschlagen. Der Preis ist hoch: der Huluppu-Baum, Sinnbild für ihr Glück, wird dabei zerstört.
So liefern uns die alten Sumerer eine märchen-anmutende Geschichte, über die Jahrtausende hinweg, und doch heute von immenser Bedeutung. Die Venus in uns - und das gilt für Männer genauso wie für Frauen - sollte sich bewußt machen, dass die liebevolle, doch angepaßte Seite nur die Hälfte darstellt. Wir dürfen Lebenskraft, Freiheit und Stärke nicht länger opfern für eine religiöse Vorstellung, die eindeutig auf Angst vor Machtverlust basiert.
Es gibt keinen Gott, der mit Bestrafung droht. Wenn Gott absolute und bedingungslose Liebe ist, hat er uns nicht dazu erschaffen, immer wieder Teilung, Zwiespältigkeit, Angst, Trennung und Ohnmacht zu erfahren. Wir müssen diese überholten Zwangsvorstellungen loslassen, denn sie halten uns gefangen. Gott hat Mann und Frau völlig ebenbürtig erschaffen, denn er liebt alle seine Kinder gleichermaßen. Und Gott ist auch eine Göttin; eine Wesenheit, die Animus und Anima zur höchsten Vollendung gebracht hat.

8
Lilith ist ein großes Unrecht widerfahren. Ihre Rehabilitation ist notwendig und unumgänglich. Ihre Kraft und Ursprünglichkeit sind Eigenschaften, die wir annehmen und aus vollem Herzen bejahen sollten – damit verliert sie ihre angebliche "Gefährlichkeit".
Die jetzt unmittelbar bevorstehende Venus/Lilith-Konjunktion findet auf 0° Krebs statt. Das Sabische Symbol sagt dazu: "Auf einem Schiff holen die Seeleute eine alte Flagge ein und ziehen eine neue auf". Schlüssel: ein radikaler Wechsel der Zugehörigkeit, ausgedrückt durch eine symbolische Handlung; ein Punkt, an dem es keine Umkehr gibt. Das Individuum erfreut sich der Stunde seiner größten Herrlichkeit, es ist beglückt von seiner Fähigkeit, eine freie Entscheidung zu treffen – das heißt, als ein Wesen zu handeln, das sich selbst Ziel und Zugehörigkeit für sein Leben auswählt.
Lilith ist der Inbegriff unserer Abspaltung der starken, wilden, sinnlichen Großen Göttin. Wer sie einlädt, zurückzukommen, erhält die Rückfahrkarte in das Paradies.


Christa Heidecke Die Autorin
Christa Heidecke wurde 1953 in Kiel geboren und lebt dort.
Seit 1990 Geprüfte Astrologin DAV, Körperpsychotherapeutin, Reiki-Lehrerin, Ausbildung in Prana-Healing.
Im Web: 2012sternenlichter.blogspot.com

Literatur
Lilith, Adams erste Frau / Vera Zingsem / Reclam


© Copyright 2005 Christa Heidecke

Gelesen 129 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 12 Januar 2012 18:47

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